04.04.21

Predigt Ostersonntag von Pfarrerin Ute Bögel

Die Predigt von Pfarrerin Ute Bögel aus dem heutigen Ostergottesdienst gibt hier zum Nachlesen.
Der Predigttext stammt aus 2. Mose 14,8-14.19-23.28-30a;15,20-21

Liebe Gemeinde,

es gibt Worte, die kann man gar nicht oft genug hören. „Ich liebe dich“, ist so ein Satz. Solche Worte, die nicht nur jetzt gelten, sondern zeitlos sind. „Ich liebe dich“ heißt: auch wenn die Zukunft im Ungewissen liegt und von Ängsten überschattet ist, stehe ich zu dir. Dieses Beispiel stammt aus dem privaten Bereich.

Es gibt aber auch Worte, die graben sich tief ins kollektive Gedächtnis ein und gehören zu den Urerfahrungen einer Gemeinschaft: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist so ein Satz. Oder: „Politisch Verfolgte genießen Asyl“.

Und dann gibt es Geschichten, die eine Gemeinschaft prägen: Das geängstigte Volk besucht in Leipzig in der kalten Kirche die Friedensandacht, zieht dann schweigend mit Kerzen in der Hand um den Ring. Als sie den Mund auftun, singen die Leute - und schaffen so die erste friedliche Revolution auf deutschem Boden.

Eine solche Grundgeschichte ist die Geschichte, die wir eben gehört haben. An jedem Passafest erzählen sich Juden diese Befreiungsgeschichte. Was erzählt wird, ist nicht die Erinnerung an längst vergangene Tage. Es wird lebendig, es geschieht jetzt: Gott befreit sein Volk – damals, heute und in der Zukunft, die im Ungewissen liegt: „Ich liebe dich“, ich stehe zu dir.

Gott hat in der Vergangenheit Wege ins Leben eröffnet, tut es heute in der Gegenwart, wird es in Zukunft tun.

Und darum passt diese Geschichte auch und gerade für uns Christen, die wir heute die Auferstehung Jesu feiern – die Hoffnung, die uns leben lässt. Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.

(1)Ich möchte zunächst bei der alttestamentlichen Geschichte bleiben: Das Volk Israel erlebt, wie Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit und sie auf dem Weg in die Freiheit begleitet. Dieser Weg ist ganz anders, als sich die Israeliten das vorgestellt oder gewünscht haben. Mitten in der Nacht brechen sie auf, erschöpft von der jahrelangen Schinderei in Ägypten, erleichtert, der Gewaltherrschaft des Pharao zu entrinnen. Schrecken und Angst im Gepäck, Erwartung und Freude und Ungewissheit vor dem, was sie erwartet.

Kaum dass sie ihre ersten Schritte getan haben, werden sie von der Vergangenheit eingeholt. Der Pharao hat es sich anders überlegt und will die Israeliten mit Gewalt zurückholen. Die Lage scheint aussichtslos:

Vor ihnen das Schilfmeer, das den Israeliten den Weg versperrt. Hinter ihnen die ägyptischen Verfolger, bis an die Zähne bewaffnet, militärisch haushoch überlegen. Es gibt kein Vor und kein Zurück, keinen Ausweg. Die Israeliten haben nichts zu erwarten als den sicheren Tod. Entweder durch die Streitwagen der Ägypter oder durch die Wogen der Flut.

Blanke Angst macht sich breit. Keiner denkt mehr daran, dass Gott ihren Weg bislang treu begleitet hat und Mose nur ausführt, was Gott ihm aufgetragen hat. Das verlorene Gottvertrauen entlädt sich in Aggression gegenüber dem, der greifbar ist und den sie nun verantwortlich für ihre Misere machen: Mose. „Warum hast du uns hier in die Wüste gebracht? Hättest du uns doch in Ägypten gelassen. Da war alles viel besser! Jetzt müssen wir hier in der Wüste sterben. Du bist an allem schuld!“

Und was tut Mose? Er sagt seinem verzagten Volk zu: „Fürchtet euch nicht!“ – und wird ihnen dadurch zum Engel, zum Boten Gottes.

Wie ein roter Faden durchzieht diese tröstende Engelsbotschaft die Bibel: „Fürchtet euch nicht, Gott ist bei euch, Gott ist da, mitten unter euch. Gott steht für das Leben ein“. Auch da, wo scheinbar alles aus ist und es nichts mehr zu hoffen gibt. Gott findet Wege, die mit dem Verstand nicht zu erfassen sind und dennoch wahr werden.

Die Israeliten gelangen mit Gottes Hilfe durchs Schilfmeer in die Freiheit. Gott bereitet der todbringenden militärischen Macht des Pharao ein Ende. Und beschert dem Volk Israel einen neuen Anfang. Noch sind sie nicht in dem verheißenen Gelobten Land. Aber dahin unterwegs.

Mirjam schlägt auf die Pauke und singt ein Lied: Gott ist groß. Er gebietet dem Tod Einhalt und tritt für das Leben ein.

Aus dieser Geschichte, dieser Urerfahrung schöpft das jüdische Volk bis heute Kraft zum Unterwegsbleiben. In allem, was kommt, wissen sie: es ist eine Passa-erfahrung: Gott ist bei uns. Und wir Christen sind in diese Geschichte mit hinein ge-nommen. Für uns ist die Geschichte Gottes nicht auf die Erfahrungen Israels beschränkt. Für uns geht die Geschichte weiter, erweist Gott seine Nähe in Jesus. Wir feiern, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, Heil in diese Welt gebracht und den Tod ein für allemal überwunden hat. In dieser Gewissheit feiern wir Ostern. Gegen allen Augenschein.

(2) „Fürchtet euch nicht!“ Auch den Frauen am Ostermorgen wird diese Botschaft zugesprochen. Sie kommen, um am Grab einen Toten zu beweinen – doch das Grab ist leer.

Der Evangelist Markus schildert, wie es den Frauen zumute ist. Sie erschrecken zutiefst und fürchten sich, zittern am ganzen Leib und sind außer sich. So sehr, dass es ihnen die Sprache verschlägt. Sie können nicht in Worte fassen, was ihnen widerfahren ist. Gott findet Wege, die mit dem Verstand nicht zu erfassen sind und dennoch wahr sind.

Erst nach und nach löst sich das, dringt die Botschaft des Engels in ihr Herz und sie glauben der Botschaft: „Fürchtet euch nicht, Jesus ist auferstanden, Jesus lebt!“

Und dann können sie sich auf den Weg zu anderen machen und die frohe Botschaft weitersagen: Gott ist groß. Er gebietet dem Tod Einhalt und tritt für das Leben ein. In allem, was kommt, wissen wir: Es ist eine Ostererfahrung: Gott errettet vom Tod.

(3) Ein letztes: Wir heute, am Ostersonntag 2021. Was nehmen wir für uns mit aus diesen Urgeschichten, Mutmachworten? Wo berühren sie uns, wo helfen sie uns zum Leben?

Mir sind beide Geschichten heute sehr nahe. Wenn ich mir vor Augen führe, wie es uns derzeit so geht. Wie wir versuchen, mehr schlecht als recht, mit einer Pandemie zu leben, die uns die Gegenwart verdüstert und Zukunft verstellt. Die alles in Frage stellt, was wir für selbstverständlich erachtet hatten.

Vielen Menschen geht es wie dem Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste: sie haben ihr Vertrauen verloren, sind müde und erschöpft, ausgelaugt, ohne Perspektive. Wozu das Ganze, bringt doch eh nichts.

Die einen verdrängen die Bedrohung und tun so, als wäre nichts. Sind doch alles nur fake news. Bei den anderen schlägt Angst in Aggression um, bis hin zur Gewalt gegen Dinge und Menschen. Wieder andere sind wie gelähmt und haben nur einen Wunsch. Nichts mehr sehen, nichts hören, nichts tun müssen.

Ich wünsche uns, dass es auch bei uns Ostern wird. Dass es uns so geht wie den Frauen am Grab Jesu: Erfahrungen von Passa und von Ostern. Für uns persönlich und für alle Welt die alten Worte, die alten Geschichten, damals, heute und in Ewigkeit: Christ ist erstanden! Amen.